TANZEN, OHNE ZU HÖREN
Michikazu Matsune entfesselt einen "Zeichensturm" im Wiener brut
von Sabina Holzer
Das Theater ist ein öffentlicher Versammlungsort. Als solcher bietet es
die Möglichkeit, Auseinandersetzungen, die im Medien-Mainstream kaum
oder gar nicht präsent sind, in Erscheinung treten zu lassen und sie zu
reflektieren. Wie bei dem neuen Projekt Zeichensturm des japanischen,
in Wien lebenden und arbeitenden Choreografen Michikazu Matsune im
Künstlerhaus des Wiener Brut: darin wird die Kommunikation mittels
Gebärdensprache ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.
Die
Gebärdensprache besteht aus kombinierten Zeichen (Gebärden), die vor
allem mit den Händen, in Verbindung mit Mimik und Mundbild (lautlos
gesprochene Worte oder Silben) und zudem im Kontext mit der
Körperhaltung gebildet werden. Als Gebärdensprache bezeichnet man eine
eigenständige, visuell wahrnehmbare natürliche Sprache. Natürliche
Sprachen benutzen in Unterschied zu künstlichen Sprachen (zum Beispiel
Programmiersprachen) Gestik, Mimik und Tonfall beziehungsweise
Sprachmelodie zur Modulation der Kommunikation. Gebärdensprache wird
insbesondere von gehörlosen und schwerhörigen Menschen zur
Kommunikation genutzt. Sie zählt zur Gruppe der Minderheitensprachen.
[1]
Man kann auch sagen, Gebärdensprache ist ein komplexes, dichtes
choreografisches System, in dem Zeichen und Intensitäten zirkulieren
und so als dynamische, reflexive Verhältnisse in Erscheinung treten.
Als solches System eröffnet sie unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten –
je nach den an sie gestellten Erwartungen: Sei es nun der Wunsch, von
diesem System eindeutige Informationen oder aber Darbietungen der in
ihm gespeicherten Wechselwirkungen und Zusammenhänge zu bekommen.
Traum, Hoffnung und Konzept
Matsune, den sehr guten Performern und dem künstlerischen Team ist es
in Zeichensturm [2] nicht nur gelungen, diese beiden Aspekte zur
Anwendung zu bringen. Sie haben auch – als eine
generationsübergreifenden Gruppe von Gehörlosen und Sprechenden – eine
beeindruckende Diversität sprechen lassen. Da in dieser Gemeinschaft
Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben vertreten waren, ohne dass
Themen wie Nationalität oder ethnische Zuordnung thematisiert wurden,
könnte man von einer im besten Sinne „Multikulturalität" sprechen, oder
einfach von dem Einbeziehen eines wesentlichen, zeitgenössischen
Phänomens, dem in Performances selten mit so leichter
Selbstverständlichkeit Rechnung getragen wird.
In einem permanenten Hin und Her von Zeichen als Schrift, als Gebärden,
als Klang und gesprochene Sprache, werden verschiedene bekannte
Medienformate durchgespielt. Dabei dienen drei im oberen Drittel der
Bühne hängende Videoscreens als Flächen der Übersetzung: Werden also
etwa zu Beginn des Stücks von den Performern Begriffe wie „Dream“,
„Hope“, „Concept“, „Regret“ oder „Tears“ in Gebärdensprache
wiedergeben, dann erscheinen auf den Monitoren die schriftlichen
„Untertitel“. Durch die Aufteilung in verschiedene Wortgruppen wie
Substantive, Namen oder Bezeichnungen für Speisen wird man als
ZuschauerIn in das System der Zeichensprache eingeführt. In einem
Wechsel von Live-Performance und Einspielungen von Erfahrungsberichten,
Nachrichtenberichterstattung (die sich an dem Wiener
Gehörlosen-Web-Sender „signtime TV“ [3] orientiert), Interpretationen
von Popsongs, Tanzen vor und mit anderen, Musik hören und machen sowie
einer Talkshow gelingt es Matsune, verschiedene Systeme gleichzeitig
präsent zu machen. Popkultur wird hier eingesetzt, um mit Differenzen
spielerisch umzugehen und etwaige Vorurteile (gegenüber Gehörlosen,
aber auch gegenüber Frauen, Männern, Schwarzafrikanern, Asiaten oder
Österreichern) zu unterwandern.
Der Choreograf nützt Gebärden als
Körpersprache, als inhärentes performatives Material, das er mit
Wahrnehmungssystemen in Verbindung treten lässt und betreibt dabei auf
subtile Art Aufklärung. In kleinen und großen Geschichten, die sich
alltäglich gebärden, kommt zur Sprache, dass Gehörlosigkeit oft
fälschlicherweise mit geistiger Behinderung assoziiert wurde und wird.
Erzählt wird von Erfahrungen älterer Gehörloser mit dem
Nationalsozialismus, aber auch einfach von der Unterstellung, Gehörlose
könnten nicht tanzen, weil sie die Musik nicht wahrnehmen würden. Die
Popsongs (u.a. Michael Jackson: „Black or White", oder Sha: „Scheiß
Scheiß Baby") werden in Zeichensturm teils mit voller Lautstärke und
starken Bässen eingespielt und machen klar, dass es auch möglich ist,
über Vibrationen Musik wahrzunehmen.
Zeichensturm ist leicht und unterhaltsam, weder zynisch noch
sentimental. Es ist eine kluge und sehr aufmerksame Arbeit. Der Abend
gibt dem Publikum, das übrigens genauso divers war wie die Gruppe der
Performer, Einblicke, ohne sie auszustellen. Man sieht die Anderen, man
sieht sich selbst. Und weiß, man Teil ist dieser Erzählung, und weiß
von dem Geltungsanspruch (der nach Habermas jedem Sprechakt zu Grunde
liegt), der diese Erzählung durchdringt. Nämlich, dass unterschiedliche
Existenzen und deren Bedingung und Forderungen eine Gültigkeit haben,
der Beachtung gegeben werden muss. Denn Unterschiedlichkeit ist die
tatsächliche Mehrheit unserer Gesellschaft.
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Veröffentlicht in corpusweb
am 22.
Februar 2011