Zeichensturm!
Michikazu Matsune stellt die Kultur der Gehörlosen ins Zentrum
seiner aktuellen Performance im brut Wien
von Jasmin Al-Kattib
"Es ist sehr selten, dass eine Performance in Gebärdensprache
stattfindet, und diese dann in die Lautsprache übersetzt wird. Oft ist
es der umgekehrte Weg." Genau darum wollte Michikazu Matsune eine
Theaterperformance machen, in der die gehörlosen Menschen und deren
Gebärdensprache als Ausdrucksform mit eigener Kultur, Gemeinschaft und
Geschichte im Zentrum stehen. Diesmal sollten es die Hörenden sein, die
Informationen aus zweiter Hand übersetzt bekommen.
Was den aus Japan stammenden Künstler schon seit längerem interessiert,
sind Ausdrucksmöglichkeiten durch Bewegung. Michikazu: "Es gibt diesen
Begriff im Tanzbereich, die 'Tanzsprache'. Für mich ist das irgendwie
unbefriedigend, weil es immer noch abstrakt ist und nie eine konkrete
Ausdrucksmöglichkeit darstellt. So bin ich auf die Gebärdensprache
gekommen."
Sein Perfomance-Team hat Michikazu zunächst im Internet, und dann
auf Streifzügen durch die Wiener Gehörlosen-Community kennengelernt. So
traf er auf Xiaoshu Alice Hu und Paulina Sarbinowska, die sich bereits
lange kennen und schon gemeinsam an künstlerischen Projekten
arbeiteten. Über die beiden lernte er dann Jonas Akanno kennen, der
zwar erstmals bei einer Theaterperformance dabei ist, dafür aber schon
viel Erfahrung als Tänzer mitbringt. Schließlich kam noch Schauspieler
und Jongleur Nicolas Cheucle mit ins Boot, der extra für das Projekt
aus Frankreich eingeflogen wurde.
Michikazu selbst beherrscht die Gebärdensprache bislang nur wenig, fand
aber in Florian Schweitzer, den er bei einem Gehörlosen-Pokerabend
kennengelernt hatte, einen guten Übersetzer für sein Projekt.
Schwierigkeiten beim ersten In-Kontakt-Treten und Kennenlernen habe es
nie gegeben, denn über Skype und andere neue Medien sei es sehr einfach
geworden, auch ohne die gesprochene Sprache zu kommunizieren.
Die Unmöglichkeit zur Möglichkeit machen
"Auf der Bühne ist der Spielraum und der Freiraum sehr groß, und so
kann man durch die Darstellung sozusagen die Unmöglichkeit zur
Möglichkeit machen", erklärt Paulina die Bedeutung des Theaters für die
Gehörlosenkultur. "Was man mit der Gebärdensprache alles machen kann,
davon haben viele Leute keine Vorstellung. Und durch das Theater ist es
möglich, das darzustellen."
Für Michikazu Matsune, der seit 12 Jahren in Österreich lebt, spielt
die Beschäftigung mit anderen (Sub-) Kulturen immer schon eine zentrale
Rolle. "Eine neue oder andere Kultur zu treffen ist für mich ein sehr
wichtiges Thema in meinem ganzen Leben gewesen", so der Künstler. "Ich
möchte aus verschiedenen Kulturen lernen. Es ist immer spannend, zu
sehen, wie es in einer anderen Kultur läuft."
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Veröffentlicht in dastandard
am 15.
Februar 2011