Über Michikazu Matsunes ZEICHENSTURM




ZEICHENSTURM von Michikazu Matsune befasst sich mit einer Minderheit, deren Zugehörige in allen sozialen Schichten zu finden sind, international mit den selben Schwierigkeiten zu kämpfen hat und sich weltweit sehr ähnlicher Diskriminierung, Isolierung und gleichen Vorurteilen  gegenüberstehen sieht. Diese Minderheit befindet sich nicht nur in einer rechtlichen wie bildungspolitischen Isolation, sondern auch einer Isolation gegenüber dem sozialen Umfeld, in das sie geboren wurde. Die dieser Minderheit Zugehörigen werden vom Volksmund vereinfachend „taubstumm“ genannt, sind richtigerweise „gehörlos“, aber stumm, wie auch ZEICHENSTURM mit spielerischer Leichtigkeit beweist, noch lange nicht.  

Gehörlosigkeit ist aus medizinischer Sicht dann gegeben, wenn bei der betreffenden Person eine Hörschädigung von mehr als 90 Dezibel (dB) vorliegt. Jeder tausendste Österreicher wird gehörlos geboren oder wird es im Laufe seines Lebens. In Österreich leben ca. 8-10.000 gehörlose Personen, die meisten von ihnen sehen die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) als ihre Muttersprache an, identifizieren sich mit dieser Sprache, werden von anderen durch diese Sprache identifiziert, beherrschen sie und verwenden diese in ihrem alltäglichen Umfeld – womit die wesentlichsten Kriterien einer Muttersprache erfüllt sind. Dennoch wird die ÖGS erst seit 2005 als eigenständige Sprache in Österreich rechtlich anerkannt. In anderen Ländern wurde diese Anerkennung der Gebärdensprache schon um einige Jahre früher erzielt, wodurch selbst innerhalb Europas erhebliche Diskrepanzen bezüglich der (rechtlichen) Wertigkeit der Sprache und somit auch des Status des Gehörlosen selbst auftreten.  

Gebärdensprachen sind visuelle Sprachen, die aus kombinierten Zeichen (Gebärden) bestehen, die vor allem mit den Händen, in Verbindung mit Mimik und Mundbild und zudem im Kontext mit der Körperhaltung gebildet werden. Es existiert keine weltweit einheitliche Gebärdensprache, sondern viele nationale und regionale Ausprägungen. In Österreich verfügt jedes Bundesland über einen eigenen Gebärdendialekt. Die Gebärdensprache ist die natürliche Erstsprache für Gehörlose, die Lautsprache bzw. die (nationale) Schriftsprache ist für sie eine Zweitsprache, da es ihnen nicht wie Hörenden möglich ist, die Schriftsprache von der gesprochenen abzuleiten.

Wie alle Gebärdensprachen stellt auch die Österreichische ein vollwertiges Sprachsystem mit einer eigenen grammatikalischen Struktur dar und ist eng mit der Kultur der Gehörlosengemeinschaften verbunden, aus der sie gewachsen ist. Gehörlosengemeinschaften sind meist gut organisiert wodurch es in Österreich viele Vereine und Verbände gibt, die stark untereinander vernetzt sind. Diese starke Vernetzung durch und die intensive Nutzung von sozialen Netzwerkplattformen wie Facebook oder Twitter schaffen auch überregional ein gesteigertes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Community und einen raschen, flächendeckenden Informationsaustausch, der auch ZEICHENSTURM in kürzester Zeit zu großem Interesse und reger Zuschauerteilnahme verhalf. 

Michikazu Matsune erarbeitet, zusammen mit Gehörlosen aus Österreich, Frankreich, China, und Nigeria sowie lokalen Gebärdendolmetschern, Szenen, die einerseits das performative Potential von Gebärdensprache analysieren und spielerisch offenlegen und andererseits ein sensitives Erlebnis, ein sinnliches Erfahren für Gehörlose wie Hörende gleichermaßen erzeugen, ohne die gehörlosen Performer jemals auszustellen oder sie gar zu benachteiligen. Gebärdensprache und die sinnlichen Erfahrungsmöglichkeiten der Gehörlosigkeit sind in jedem Moment der 85-minütigen Performance nicht nur wesentlicher Ausgangspunkt des performativen Erlebnisses, sondern ein absoluter Mehrwert an Erfahrung für alle Beteiligten. Auf einer zusätzliche Ebene wird mit Hilfe von Interviews mit gehörlosen Zeitzeugen und Überlebenden des Nationalsozialismus die prekäre und gefährliche Situation der Gehörlosen vor und während des zweiten Weltkrieges erörtert und gleichzeitig das Thema „Gehörlosigkeit als Behinderung“, was eben unter dem Nationalsozialismus als gängige und gerade dadurch gefährliche Denkweise üblich war, auch unter diesem Aspekt diskutiert.

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Der ZEICHENSTURM beginnt mit einer Begrüßung zweier gehörloser Performer an das Publikum in Gebärdensprache. Diese Begrüßungsrede wird auf über den Performern hängenden Leinwänden in Schriftsprache übersetzt. Schon bald beginnt sich diese Begrüßung ihrer ursprünglichen Aufgabe zu entledigen und geht in einen losen, sich wiederholenden, teils assoziativen, in jedem Fall komischen Wortwechsel über, der einerseits in die Methodik der Gebärdensprache einführt, diese aber auch andererseits als völlig eigenständige Sprache ausweist, da die gebärdeten Wörter zwar ab und an Assoziationen mit den geschriebenen hervorrufen, diese aber in keiner Weise als eine Art Pantomime wiedergeben. Wichtig ist in diesem Fall vor allem auch der Aspekt, dass hier nicht geschriebene Sprache in Gebärdensprache übersetzt wird, sondern gerade umgekehrt. Ausgangspunk ist – und dies zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend – die Gebärdensprache und die durch sie entstehenden Bedeutungen und Bewegungen. Die Schreibsprache dient einzig und allein der Übersetzung, der Transkription einer für Teile des Publikums fremden Sprache.

Nach diesem kurzen, einleitenden Teil, der das Publikum auf einer optischen Ebene in die Welt der Gebärden einführt, peitscht eine Drum&Bass-Nummer mit treibenden Bässen durch den Saal, die die Tribüne zum erzittern bringt und direkt in die Magengruben der Besucher boxt. Das schon am Einlass mit Ohropax ausgestattete, hörende Publikum lernt nun die Welt der Gehörlosigkeit auf einer weiteren sensorischen Ebene kennen und auch für das gehörlose Publikum bietet diese Szene neben schön gearbeiteten Visuals auf den Leinwänden eine zutiefst sinnliche und gleichzeitig körperliche Erfahrung.

An diese akustisch/körperliche Szene reihen sich Ausschnitte aus einer Nachrichtensendung der Gehörlosenplattform signtime.tv in Gebärdensprache, die jedoch nicht für Hörende übersetzt werden. Bezugnehmend auf aktuelle tagespolitische Themen sind diese Videoclips für Teile des Publikums übliche Informationsquelle für andere Konfrontation mit einer Fremdsprache, deren gesprochene Inhalte sie nur mit Hilfe kurzer Schlagzeilen erahnen können. 

An mehreren Stellen der Performance werden, wie in der darauf folgenden Szene, Interviews mit gehörlosen Menschen per Video gezeigt, die live von Gebärdendolmetschern synchronisiert werden. In diesen dokumentarischen Videosequenzen erzählen sie von Erfahrungen und Erlebnissen, die direkt oder indirekt das Leben als Gehörloser während der NS-Zeit in Österreich reflektieren oder skizzieren. Diese Erzählungen öffnen eine gänzlich neue, politische Bedeutungsebene, die ein sehr trauriges Kapitel nicht nur ihrer persönlichen, sondern der gesamteuropäischen Geschichte thematisiert. Dennoch fasziniert und berührt vor allem die Leichtigkeit und die ungebrochene, lebensbejahende Fröhlichkeit, die diese Menschen beim Erzählen ihrer Geschichten vermitteln.

Als Highlights von ZEICHENSTURM gelten vor allem ein Videoclip, in dem die bekannten Lyrics von Michael Jacksons Black or White simultan in Gebärdensprache übersetzt werden und das live in Gebärdensprache vorgetragene Popcover Jaja von Sha mitsamt Gebärdenchor. Beide Szenen veranschaulichen das performative aber vor allem auch das poetische Potential von Gebärdensprache auf einer einzigartig leichtfüßigen, humorvollen und mitreißenden Art und Weise. Jacksons Tanzbewegungen beginnen mit den Sprechbewegungen des Performers in Beziehung zu treten und die gebärdete Liedzeile „scheiß, scheiß baby“ aus Jaja brennt sich, einem Ohrwurm im übertragenen Sinne gleich, in das Gedächtnis des Publikums ein. Dazwischen zeigen die Performer ihr erstaunliches, aber für sie selbstverständliches Rhythmusgefühl bei enthusiastisch vorgetragenen Hip-Hop- Tanzeinlagen oder einem Trommelkonzert auf Küchenutensilien. Gängige Floskeln wie „time is money“ oder „love is blind“ werden ebenso in Gebärdensprache übersetzt wie Ländernamen, Filmtitel, abstrakte Begriffe (z.B. „high definition“ oder „future vision“) oder kulinarische Besonderheiten der lokalen Küchentradition (z.B. Tiroler Gröstl oder Wiener Schnitzel).

Nach einem in Lautsprache übersetzen Wetterbericht, der das schönste Wetter Europas seit Jahren ankündigt, bringt die Druckwelle eines gewaltigen Donnergrollens die Sitzreihen abermals zum Erzittern. Gefolgt von Blitzen und Windstößen treibt ein Gewitter durch den Saal, in der die  haptische Ebene die akustische an Intensität bei weitem übertrifft und sich stetig steigert, bis es plötzlich, in völliger Stille, sanft und ruhig über dem Publikum zu schneien beginnt. ZEICHENSTURM endet mit einem weiß bedecktem Publikum und einer Talkshow in Gebärdensprache, in der simultan in Lautsprache übersetzt, zwei Performerinnen über alltägliche Selbstverständlichkeiten des Lebens in Gehörlosigkeit plaudern. Klatsch und Tratsch auf der Talk-Couch darüber, wie man am besten ein Taxi bestellt oder über die Skype-Funktion am neuen i-Phone G4. Die Schlussworte des Abends bleiben einer gehörlosen Frau, die in einem abschließenden Video beschreibt, wie für sie das Rot der untergehenden Sonne immer lauter und lauter zu spritzen beginnt, je weiter sich diese dem Horizont nähert.


ZEICHENSTURM ist eine zutiefst sinnliche Erfahrung, die gänzlich ohne Mitleid zu fordern, ohne Betroffenheit zu stimulieren, ohne nach billigen Effekten zu haschen, einer Minderheit die Möglichkeit gibt, sie selbst und stolz darauf zu sein. ZEICHENSTURM verzichtet auf den Aha-Effekt, der dem hörenden Publikum erklärt, wie es ist, gehörlos zu sein, sondern fordert und fördert eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesem Thema und lädt auch zu gedanklich-politischem Austausch unter den Besuchern ein. ZEICHENSTURM ist barrierefreies Theater das sowohl hörendem wie gehörlosen Publikum gleichermaßen eine sowohl abwechslungsreiche, intensive wie auch humorvolle Erfahrung des Miteinander bietet.



Andreas Fleck / brut Wien
Feburuar 2011